gezeiten - poesie und mehr

anthologie

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ich werde nicht enden zu sagen:
meine gedichte sind schlecht.
ich werde gedanken tragen
als knecht.
ich werde sie niemals meistern
und doch nicht ruhn.
soll mich der wunsch begeistern:
es besser zu tun.




joachim ringelnatz

3 Kommentare 13.10.07 00:00, kommentieren

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worte sind der seele bild –
nicht ein bild! sie sind ein schatten!
sagen herbe, deuten mild,
was wir haben, was wir hatten. –
und was ist’s denn, was wir haben? –
nun, wir sprechen! rasch im fliehn
haschen wir des lebens gaben.




goethe

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als adams söhne sich so vermehrt hatten, daß sie sich für zahlreich genug hielten, einen sturm auf die oberen zu wagen, begannen sie einen turm zu bauen, der bis in den himmel hinaufreichen sollte. da wurden die oberen von furcht ergriffen, und um sich zu schützen, sprengten sie die zusammenrottung, indem sie die zungen und den verstand der menschen verwirrten, dergestalt, daß, wo ihrer zwei sich trafen, sie einander nicht verstehen konnten, auch wenn sie dieselbe sprache sprachen. seitdem herrschen die oberen durch zwietracht, und die zwietracht wird wachgehalten durch den wahn, daß die wahrheit gefunden sei; denn wenn die menschen einem ihrer propheten glauben, dann ist es ein lügenprophet. gelingt es dagegen irgendeinem sterblichen, das geheimnis der oberen zu erforschen, so wird ihm nicht geglaubt, und er wird mit wahnsinn geschlagen, auf daß ihm keiner glaube. seither sind die sterblichen mehr oder minder irre, am meisten diejenigen, die für weise gehalten werden, und bei verstand sind allein die narren; denn sie sehen das unsichtbare, hören das unhörbare und kennen das unbekannte, doch es ist ihnen nicht möglich, den anderen ihr wissen mitzuteilen.




august strindberg

1 Kommentar 10.10.07 00:00, kommentieren

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du bist der dinge tiefster inbegriff,
der seines wesens letztes wort verschweigt
und sich den andern immer anders zeigt:
dem schiff als küste und dem land als schiff.




rainer maria rilke

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die zwei turmuhren

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zwei turmuhren schlagen hintereinander,
weil sie sonst widereinander schlagen müßten.
sie vertragen sich wie zwei wahre christen.
es wäre dementsprechend zu fragen;
warum nicht auch die völker
hintereinander statt widereinander schlagen.
sie könnten doch wirklich ihren zorn
auslassen, das eine hinten, das andere vorn.
aber freilich: kleine beispiele von vernunft
änderten noch nie etwas am großen narrenspiele der zunft.




christian morgenstern

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der geliebten

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der blas- und eu-phemieen reiche kette
hab ich geschlungen dir, geliebte, um das bein.
und wenn ich sonst nichts von belang mehr täte,
so könntest du mir kakadu und sperber sein.
erinnre dich der nacht in jenem bette,
als eine spinne alle weißen perlen fraß,
als über dich gebeugt die freundin juliette
zu häupten dir und mir zu füßen saß.
empörte fistelstimmen stelzten aus der mette.
tuberkulinsaft blumte groß auf tisch und wänden.
der mond hing sich ans morgenrot in glatzenglätte
und malte grüne ringel deinen händen.
dann kam der sommer und ein groß gefrette.
auch kranische geruhn, sich hoch zu schneuzen.
und wenn ich dies nicht zu bemerken hätte,
so hätte jenes nichts zu benedeuzen.
nur sollt ich nicht gehabt die telegraphendrätte
zu sehr bewegt nach dir, als schließlich du entschwandest.
denn dieses tatst du in der magensätte
des ersten tags mit dem, den du nicht kanntest.





hugo ball

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anläßlich der pfirsichblüte in einem dorf schensis

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im süddorf brach heut grenzenlos
die pfirsichblüte auf:
ich war davon so sehr gerührt,
weil sie von selber kam.

die sonne sinkt, der nachtwind bläst
und röte füllt den grund:
doch niemand löst das rätsel mir,
für wen sie so geblüht.




bo djü-i

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