gezeiten - poesie und mehr

Archiv

...

im heil’gen teich zu singapur
da liegt ein altes krokodil
von äußerst grämlicher natur
und kaut an einem lotosstil.
es ist ganz alt und völlig blind,
und wenn es einmal friert des nachts,
so weint es wie ein kleines kind,
doch wenn ein schöner tag ist, lacht’s.




hermann lingg

1.4.07 05:44, kommentieren



...

du bist der schreiber und die schrift bist du,
tint' und papier und schreibestift bist du.
du bist die sternenschrift am himmel dort,
im herzen hier die liebesschrift bist du.
das blatt, das treibt, das ausgetriebne lamm,
der trieb, der treiber und die trift bist du.
du bist die ruh', die unruh' bist du auch,
das gift und auch das gegengift bist du.
du ebb' und flut, windstill' und sturm und meer,
schiffbruch und schiff, und der drin schifft, bist du.
was kann ich treffen? was kann treffen mich?
was trifft der sinn, und was ihn trifft, bist du.





dschalal-ed-din rumi

2 Kommentare 3.4.07 05:47, kommentieren

...

sei ein ganzes - ob nur ein traum, ein halbverstandenes märchen ...




annette v. droste-hülshoff

1 Kommentar 7.4.07 06:19, kommentieren

...

vom frühling müde, spürt sie nichts vom dämmern,
sie hört bloß überall die vögel klagen:
des nachts kam sturm mit regen und mit rauschen
und blüten fielen, ach, wer weiß wie viele ...




möng hau-jan

8.4.07 06:26, kommentieren

...

gestern war ich wandern.
und irgendwann kam ich am bahnhof an.
man kommt immer am bahnhof an.
immer. und immer wieder.
und wie immer fanden sich dort alle geschichten.
wieder. und immer wieder.
und die züge donnerten vorbei.
und das leben stand an der bahnsteigkante.
sprang vor den zug ohne halt.
wieder. und immer wieder.
und die räder drehten sich.
davon, davon.
und sie sangen ihr ewiges lied.
vorbei, vorbei.



gestern war ich wandern.
ich kam nirgendwo an.




© otto lenk

10.4.07 05:43, kommentieren

...

wir gehen am meer im tiefen sand,
die schritte schwer und hand in hand.
das meer geht ungeheuer mit,
wir werden kleiner mit jedem schritt.
wir werden endlich winzig klein
und treten in eine muschel ein.
hier wollen wir tief wie perlen ruhn,
und werden stets schöner, wie die perlen tun.




max dauthendey

11.4.07 05:41, kommentieren

...

es ist nacht
und mein herz kommt zu dir,
hält’s nicht aus,
hält’s nicht aus mehr bei mir.
legt sich dir auf die brust,
wie ein stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.



dort erst,
dort erst kommt es zur ruh.
liegt am grund
seines ewigen du.




christian morgenstern

13.4.07 05:56, kommentieren